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Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.

Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft, AA 5:161.

Über 2000 Jahre Philosophiegeschichte mit unterschiedlichen Gewichtungen, aber einer klaren Linie.

Der Begriff sensus communis bezeichnet weit mehr als „gesunden Menschenverstand“ — er meint ein Vermögen gemeinsamen Urteilens.

  1. 4. Jh. v. Chr.

    Aristoteles

    „διότι δὲ πολιτικὸν ὁ ἄνθρωπος ζῷον πάσης μελίττης καὶ παντὸς ἀγελαίου ζῴου μᾶλλον, δῆλον. οὐθὲν γάρ, ὡς φαμέν, μάτην ἡ φύσις ποιεῖ· λόγον δὲ μόνον ἄνθρωπος ἔχει τῶν ζῴων.“

    „Dass aber der Mensch in höherem Maße ein politisches Lebewesen ist als jede Biene und jedes Herdentier, ist offenkundig. Denn die Natur macht, wie wir sagen, nichts vergeblich; Sprache aber hat unter den Lebewesen allein der Mensch.“

    WerkPolitik, I 2, 1253a7–10

  2. 55 v. Chr.

    Marcus Tullius Cicero

    „Hoc enim uno praestamus vel maxime feris, quod conloquimur inter nos et quod exprimere dicendo sensa possumus.“

    „Denn gerade darin übertreffen wir die Tiere am meisten, dass wir miteinander sprechen und unsere Gedanken in Worte fassen können.“

    WerkDe oratore, 55 v. Chr., § 32

  3. 5. Jh.

    Augustinus von Hippo

    „[…] populus est coetus multitudinis rationalis rerum quas diligit concordi communione sociatus, profecto, ut videatur qualis quisque populus sit, illa sunt intuenda, quae diligit.“

    „[…] ein Volk ist die Vereinigung einer vernunftbegabten Menge, die durch einträchtige Gemeinschaft in dem verbunden ist, was sie liebt; dann muss man, um zu erkennen, wie ein Volk beschaffen ist, darauf schauen, was es liebt.“

    WerkDe civitate Dei, XIX, 24

  4. 13. Jh.

    Thomas von Aquin

    „Et sic ex quatuor praedictis potest colligi definitio legis, quae nihil est aliud quam quaedam rationis ordinatio ad bonum commune, ab eo qui curam communitatis habet, promulgata.“

    „Und so lässt sich aus den vier vorangehenden Artikeln die Begriffsbestimmung des Gesetzes gewinnen: Es ist nichts anderes als eine Anordnung der Vernunft auf das Gemeinwohl hin, erlassen von dem, der die Sorge für die Gemeinschaft trägt, und öffentlich verkündet.“

    WerkSumma theologiae, I-II, q. 90, a. 4

  5. 1377

    Ibn Khaldun

    „Das Zusammenleben ist für den Menschen notwendig. Die Philosophen drücken das mit den Worten aus: Der Mensch ist von Natur aus ein politisches Wesen. […] Durch Zusammenarbeit kommt so viel zusammen, dass es für ein Vielfaches derer reicht, die zusammenarbeiten.“

    WerkMuqaddima, 1377, Kap. 1

  6. 1709

    Anthony Ashley Cooper, 3rd Earl of Shaftesbury

    „Gemeingeist kann nur aus einem geselligen Empfinden entstehen, aus einem Gefühl der Partnerschaft mit dem Menschengeschlecht.“

    WerkSensus Communis: An Essay on the Freedom of Wit and Humour, 1709, S. 63

  7. 1744

    Giambattista Vico

    „Der Gemeinsinn ist ein Urteil ohne jede Reflexion, gemeinsam empfunden von einem ganzen Stand, einem ganzen Volk, einer ganzen Nation oder dem ganzen Menschengeschlecht.“

    WerkScienza Nuova, 1744, § 142

  8. 1764

    Thomas Reid

    „Wenn es gewisse Grundsätze gibt, und ich denke, es gibt sie, die zu glauben uns die Verfassung unserer Natur veranlasst und die wir in den gemeinsamen Angelegenheiten des Lebens notwendig voraussetzen müssen, ohne einen Grund für sie angeben zu können, so nennen wir sie die Grundsätze des gemeinen Menschenverstandes; und was ihnen offenkundig widerspricht, nennen wir absurd.“

    WerkAn Inquiry into the Human Mind, 1764, S. 59

  9. 1790

    Immanuel Kant

    Folgende Maximen des gemeinen Menschenverstandes gehören zwar nicht hieher, als Teile der Geschmackskritik, können aber doch zur Erläuterung ihrer Grundsätze dienen. Es sind folgende: 1. Selbstdenken; 2. An der Stelle jedes andern denken; 3. Jederzeit mit sich selbst einstimmig denken.

    WerkKritik der Urteilskraft, § 40, AA 05: 293

  10. 1792

    Mary Wollstonecraft

    „Wenn ich für die Rechte der Frau eintrete, so stützt sich mein Hauptargument auf diesen einfachen Grundsatz: Ist sie nicht durch Bildung darauf vorbereitet, die Gefährtin des Mannes zu werden, wird sie den Fortschritt der Erkenntnis aufhalten, denn die Wahrheit muss allen gemeinsam sein, sonst bleibt sie ohne Wirkung auf die allgemeine Praxis.“

    WerkA Vindication of the Rights of Woman, 1792, S. vii

  11. 1907

    He-Yin Zhen

    „Diese Gleichheit ist eine falsche Gleichheit! Ohne wahre Freiheit fehlt den Frauen die volle Entfaltung; ohne wahre Gleichheit genießen nicht alle die Menschenrechte.“

    WerkProblems of Women’s Liberation, 1907

  12. 1927

    John Dewey

    „Das wesentliche Erfordernis ist, mit anderen Worten, die Verbesserung der Methoden und Bedingungen von Debatte, Diskussion und Überzeugung. Das ist das Problem der Öffentlichkeit.“

    WerkThe Public and Its Problems, 1927, S. 208

  13. 1949

    Simone Weil

    „Die Verwurzelung ist vielleicht das wichtigste und am meisten verkannte Bedürfnis der menschlichen Seele. Es ist eines der am schwersten zu bestimmenden.“

    WerkL’Enracinement, 1949, S. 61

  14. 1958

    Hannah Arendt

    „Im Kulturellen und im Politischen, also in dem gesamten Bereich des öffentlichen Lebens, geht es weder um Erkenntnis noch um Wahrheit, sondern um Urteilen und Entscheiden, um das urteilende Begutachten und Bereden der gemeinsamen Welt und die Entscheidung darüber, wie sie weiterhin aussehen und auf welche Art und Weise in ihr gehandelt werden soll.“

    WerkKultur und Politik, 1994, S. 300

  15. 1960

    Hans-Georg Gadamer

    „Urteilskraft ist überhaupt nicht so sehr eine Fähigkeit als eine Forderung, die an alle zu stellen ist. Alle haben genug ‚gemeinen Sinn‘, d. h. Urteilsvermögen, daß man ihnen den Beweis von ‚Gemeinsinn‘, von echter sittlich-bürgerlicher Solidarität, d. h. aber: Urteil über Recht und Unrecht, und Sorge für den ‚gemeinen Nutzen‘ zumuten kann.“

    WerkWahrheit und Methode, 1960, S. 29

  16. 1971

    Jürgen Habermas

    „Die ideale Sprechsituation schließt systematische Verzerrung der Kommunikation aus. Nur dann herrscht ausschließlich der eigentümlich zwanglose Zwang des besseren Argumentes, […]“

    WerkVorbereitende Bemerkungen zu einer Theorie der kommunikativen Kompetenz, 1971, S. 137

  17. 1987

    María Lugones

    „Ohne die ‚Welt‘ des anderen zu kennen, kennt man den anderen nicht, und ohne den anderen zu kennen, ist man in seiner Gegenwart wirklich allein, weil der andere einem nur schemenhaft gegenwärtig ist“

    WerkPlayfulness, “World”-Travelling, and Loving Perception, 1987, S. 18

  18. 1987

    Gloria Anzaldúa

    „Ein Grenzland ist ein vager, unbestimmter Ort, entstanden aus dem emotionalen Rückstand einer unnatürlichen Grenze. Es befindet sich in einem ständigen Zustand des Übergangs. […]“

    WerkBorderlands / La Frontera, 1987, S. 3

  19. 1987

    Fatema Mernissi

    „Wenn die Rechte der Frauen für manche modernen muslimischen Männer ein Problem sind, dann weder wegen des Korans noch wegen des Propheten noch wegen der islamischen Tradition.“

    WerkThe Veil and the Male Elite, 1991

  20. 1997

    John Rawls

    „Der Eifer, die ganze Wahrheit in der Politik zu verwirklichen, ist unvereinbar mit einer Idee öffentlicher Vernunft, die zur demokratischen Bürgerschaft gehört.“

    WerkThe Idea of Public Reason Revisited, 1997, S. 767

  21. 2004

    Wangari Maathai

    „Es kann keinen Frieden ohne gerechte Entwicklung geben.“

    WerkNobel Lecture, 2004

  22. 2013 / 2022

    Margaret Gilbert

    „Angenommen, Heinrich schlägt sich plötzlich die Hand vor die Stirn, sagt ‚Oh nein!‘ und geht ohne weitere Umstände rasch von Andrea weg.“

    WerkJoint Commitment, 2013, S. 24

    „Gemeinsames Handeln verwandelt. Es liegt nahe, es mit so positiv besetzten Vorstellungen wie Verbundenheit, Solidarität und Einheit zu verbinden.“

    WerkA Simple Theory of Acting Together, 2022, S. 408

Eine Linie von europäischem Institutionenbau bis zu genossenschaftlicher Selbstorganisation, von Schuman und Monnet bis Raiffeisen, Ostrom und Yunus.

Sensus communis ist nicht nur ein Vermögen gemeinsamen Urteilens im Austausch, sondern vielmehr gelebte Verantwortung.

  1. 19. Jh.

    Hermann Schulze-Delitzsch

    „Selbsthilfe, Selbstverantwortung, Selbstverwaltung“

    QuelleGenossenschaftliche Grundprinzipien

  2. 19. Jh.

    Friedrich Wilhelm Raiffeisen

    „Was einer alleine nicht schafft, das schaffen viele.“

    QuelleGenossenschaftlicher Leitspruch

  3. 1902

    Jane Addams

    „Wir lernen, dass man einen Maßstab sozialer Ethik nicht erreicht, indem man einen abgeschiedenen Seitenweg geht, sondern indem man sich auf die belebte, gemeinsame Straße begibt, wo alle einander ausweichen müssen und zumindest sehen, wie schwer die Lasten der anderen wiegen.“

    WerkDemocracy and Social Ethics, 1902, S. 6

  4. 1950

    Robert Schuman

    „Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen.“

    WerkSchuman-Erklärung, 1950

  5. 1979

    Simone Veil

    „Schließlich muss das Europa, das wir uns wünschen, ein Europa der Zusammenarbeit sein.“

    WerkAntrittsrede, Europäisches Parlament, 1979, S. 5

  6. 1990

    Elinor Ostrom

    „Die Kraft einer Theorie ist genau proportional zur Vielfalt der Situationen, die sie erklären kann. Alle Theorien haben jedoch Grenzen.“

    WerkGoverning the Commons, 1990, S. 24

  7. 1995

    Nelson Mandela

    „Versöhnung heißt, gemeinsam daran zu arbeiten, das Erbe vergangenen Unrechts zu überwinden.“

    WerkMessage on National Reconciliation Day, 1995

  8. 1996

    Helmut Schmidt

    „Heutzutage ist das wichtigste zu lernen, wie man andere Völker versteht. Und zwar nicht nur deren Musik, sondern auch ihre Philosophie, ihre Haltung, ihr Verhalten. Nur dann können sich die Nationen untereinander verstehen.“

    WerkWeggefährten. Erinnerungen und Reflexionen, 1996, S. 58

  9. 2000

    Anita Roddick

    „Im Geschäft der Wirtschaft sollte es nicht um Geld gehen, sondern um Verantwortung. Es sollte um das Gemeinwohl gehen, nicht um private Gier.“

    WerkBusiness as Unusual, 2000, S. 3

  10. 2006

    Muhammad Yunus

    „Ich glaube, dass wir eine Welt ohne Armut schaffen können, denn Armut wird nicht von armen Menschen geschaffen.“

    WerkNobel Lecture, 2006

  11. 2009

    Elinor Ostrom

    „[…] ein zentrales Ziel öffentlicher Politik sollte es sein, die Entwicklung von Institutionen zu fördern, die das Beste im Menschen hervorbringen.“

    WerkNobel Lecture, 2009, S. 435 f.

  12. 2011

    Ellen Johnson Sirleaf

    „Die Geschichte wird uns nicht danach beurteilen, was wir in diesem Moment sagen, sondern danach, was wir als Nächstes tun, um das Leben unserer Landsleute zu verbessern.“

    WerkNobel Lecture, 2011

Θεία δ’ Ἠέλιόν τε μέγαν λαμπράν τε Σελήνην Ἠῶ θ’, ἣ πάντεσσιν ἐπιχθονίοισι φαείνει ἀθανάτοις τε θεοῖσι, τοὶ οὐρανὸν εὐρὺν ἔχουσι, γείναθ’ ὑποδμηθεῖσ’ Ὑπερίονος ἐν φιλότητι.

Theia aber gebar den großen Helios, die strahlende Selene und Eos, die allen Erdenbewohnern leuchtet und den unsterblichen Göttern, die den weiten Himmel bewohnen, von Hyperion in Liebe bezwungen.

Hesiod, Theogonie, V. 371–374